Rebellion und Protz. Etwas zur möglichen Wiederkehr der weiten Hose

„Das Schicksal des Mannes war immer mit seiner Hose verbunden. […] Je enger die Hose, desto konservativer der Mann“, schreibt Tillmann Prüfer im Zeit Magazin. Stimmt das? Taugt die Weite der Hose als Gradmesser für die geistige Weite ihres Trägers? Und haben wir somit Anlass, die (irgendwie) in der Luft liegende „Rückkehr der Baggy“ als Rückkehr des Rebellen zu feiern?

27504d30-508b-4c7a-935e-42480ad2b7a7Ganz instinktiv misstrauen wir ja allem, was Mode mit so großen Begriffen wie „Schicksal“ in Verbindung bringt. Und in der Tat liegt ein simpler Einwand auf der Hand: sehen wir die „Baggy“ nicht seit Jahrzehnten ständig, vorzugsweise in den Sommermonaten, halblang, gefüllt mit Stachelbeerbeinen in zertretenen Turnschuhen? Ist das schön? Eher nicht. Und ist es rebellisch? Doch wohl eher keines weiteren Kommentars bedürftig.

donMan mag das abtun mit der Bemerkung, es gehe um die weite Hose als eher förmliches Kleidungsstück, also etwa als Bestandteil eines Anzugs. Wer so denkt, muss allerdings keineswegs in die 30er Jahre zurück gehen, um den Zoot Suit (dem durchaus Rebellisches angehaftet haben mag) als Beispiel zu zitieren.  Viel näher liegen doch die 80er – jenes Jahrzehnt, in dem die beiden Herren mit Polizeimarke in ihren Schlabberanzügen wenn nicht als „gut“, so doch zumindest als „cool“ und „hip“ gekleidet durchgingen. Prominente Verantwortliche waren damals Giorgio Armani und vor allem Gianni Versace, der eigentliche modische Held dieser Zeit. Dreifache Bundfalten ließ er sich um Hüften plustern, oft in schreienden Farben und Mustern. Das war heiß! Das war der Protz der 80er. Wir sind wer, wir können uns haufenweise Stoff um die Figur wickeln und uns das Näschen mit Kokain pudern.

Evernote Snapshot 20161012 155827-1Und genau das war’s auch bei den Landsknechten: es war der Protz, es war das „alles gehört uns“. Wir verschwenden es und ihr schaut zu und bewundert uns dafür. Und damals, im 15. und 16. Jahrhundert, traute man sich noch deutlich mehr: zur Zeit der Landsknechte gab es die „Schamkapsel“, die zwischen weitem Hosenbeingepränge die männlichen Eindeutigkeiten hervorhob, verdeutlichte und selbstverständlich auch prunkend aufblies.

Wo Herr Prüfer Rebellion aufblitzen sieht, sehen wir somit in erster Linie Protz. Gegenwärtig scheint sich allerdings beides verflüchtigt zu haben. Der Baggy-Träger von heute ist weder „Macher“ noch „Macker“. Und auch ein Anblick wie der des Herzogs von Mecklenburg mit Schamkapsel (links) bleibt uns erspart.

Was nun die aktuellen Anzughosen betrifft: Männer, die das Schmale, Schlanke, eher Kurze, Po-Betonte tragen können, erfreuen unser Auge. Das ist (noch) Zeitgeist. Da verschwenden wir nichts, da sind wir hübsch, kompetent, aber bescheiden. Vereinzelte Versuche, die weite Hose wieder einzuführen, gibt es schon seit Jahren. In der Breite müssen sie sich noch bewähren, bislang stellen sie bestenfalls eine Option dar. Und selbst wenn die Weite wirklich wiederkehren sollte: das wird eine ganze Weile parallel laufen. Nicht zuletzt, weil die neue Pluderhose bislang noch nicht allzu viel her macht. Seien wir gespannt, in welche Richtung sie sich entwickeln wird. Nur eines steht fest: die Hosentasche hinter den Bundfalten wird wieder mehr Inhalt verbergen können. Als wüssten wir nicht ohnehin, was alles in den Hosentaschen der Mächtigen verschwinden kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *